Es gibt ein Wort, das nur im österreichischen Deutsch so richtig funktioniert: die Gstettn. Gemeint ist das vergessene Eck – der Streifen hinter der Bushaltestelle, das brachliegende Grundstück, der Schotterplatz, auf dem „eh nix wächst“. Wer allerdings im Juni an einer echten Gstettn vorbeigeht, sieht das Gegenteil: blauen Natternkopf, gelbe Königskerzen, weiße Schafgarbe, dazwischen ein Gewimmel aus Hummeln, Wildbienen und Faltern.

Während gepflegte Rasenflächen ökologisch oft wenig zu bieten haben, gehören solche Ruderalflächen zu den artenreichsten Lebensräumen, die unsere Städte und Dörfer haben. Zeit für eine Ehrenrettung.

Was auf einer Gstettn wirklich wächst

Ruderalpflanzen – von lateinisch „rudus“, der Schutt – sind Spezialisten für gestörte Böden. Sie keimen schnell, kommen mit Hitze und Trockenheit zurecht und produzieren Unmengen an Samen. Viele von ihnen sind ausgesprochene Schönheiten: Der Natternkopf leuchtet wochenlang in Blau und Violett, die Wilde Karde baut architektonische Stachelkerzen, die Nachtkerze öffnet ihre gelben Blüten in der Dämmerung binnen Minuten – ein Naturschauspiel, das Sie an einem lauen Juliabend live beobachten können.

Dazu kommen Wilde Möhre, Johanniskraut, Färberkamille und die Zichorie mit ihrem unwirklichen Himmelblau. Was hier wie Zufall aussieht, ist eine eingespielte Lebensgemeinschaft, die es seit Jahrtausenden gibt – früher auf Flussschottern und Erdrutschen, heute eben am Bahndamm.

Ein gedeckter Tisch für Hunderte Arten

Für Insekten sind diese wilden Ecken keine Kulisse, sondern Lebensgrundlage. Der Natternkopf allein wird von Dutzenden Wildbienenarten besucht, eine davon – die Natternkopf-Mauerbiene – sammelt Pollen fast ausschließlich auf ihm. Ohne Pflanze keine Biene, so einfach ist die Rechnung. Königskerzen ernähren die Raupen des Königskerzen-Mönchs, an der Wilden Möhre entwickelt sich der Schwalbenschwanz, einer unserer prächtigsten Tagfalter.

Und weil auf einer Gstettn niemand mäht, düngt und spritzt, finden Insekten hier, was ihnen anderswo fehlt: Blüten von April bis Oktober, offene Bodenstellen zum Nisten, hohle Stängel fürs Winterquartier. Ornithologen wissen längst: Wo Distelsamen stehen bleiben, tauchen im Herbst die Stieglitze auf.

Warum die wilden Ecken verschwinden

So robust die Pflanzen sind, so verletzlich ist ihr Lebensraum. Brachen werden bebaut, Straßenränder auf Stoß gemäht, Schotterflächen „begrünt“ – oft ausgerechnet mit Rollrasen oder Bodendeckern, die ökologisch kaum etwas leisten. Das Problem ist selten böser Wille, sondern ein Schönheitsideal, das Ordnung mit Pflege verwechselt. Eine Gstettn sieht eben nicht aufgeräumt aus. Sie sieht lebendig aus.

Dabei wäre die Lösung oft zum Nulltarif zu haben: seltener mähen, später mähen, Teilflächen einfach stehen lassen. Etliche Gemeinden in Österreich stellen ihre Straßenränder bereits um – und ernten neben Blüten auch geringere Pflegekosten.

So leisten Sie sich Ihre eigene Gstettn

Sie brauchen dafür kein Grundstück an der Bahn, ein sonniges Eck im Garten genügt. Das Rezept ist herrlich unaufwendig: Graben Sie den Boden einmal um und magern Sie ihn mit Sand oder Schotter ab – Ruderalpflanzen lieben es karg. Dann säen Sie regionales Saatgut mit Arten wie Natternkopf, Königskerze, Wilder Möhre und Färberkamille. Gießen Sie nur, bis die Keimlinge stehen, und danach: lassen Sie die Fläche in Ruhe.

Gemäht wird höchstens einmal im Jahr, am besten spät im Herbst oder erst im Frühjahr, und die Stängel bleiben über den Winter stehen. Was wie Faulheit aussieht, ist der eigentliche Naturschutz: In den dürren Halmen überwintern Wildbienenlarven, an den Samenständen bedienen sich die Vögel.

Fünf Arten, die Sie auf fast jeder Gstettn treffen

Wer das wilde Personal einmal kennt, liest jede Brache wie eine Besetzungsliste. Der Natternkopf ist der Star: bis zu einem Meter hoch, wochenlang blau, von früh bis spät umschwärmt. Sein Name kommt von den Blüten, aus denen die Griffel wie Schlangenzungen ragen. Die Königskerze baut im ersten Jahr nur eine wollige Rosette und schießt im zweiten als gelbe Fackel auf zwei Meter – ihre Samen bleiben Jahrzehnte im Boden keimfähig und warten auf die nächste Störung. Die Wilde Möhre trägt in der Mitte ihrer weißen Dolde oft eine einzige dunkelrote Scheinblüte, die eine sitzende Fliege imitiert und damit echte Besucher anlockt – ein Trick, über den die Forschung bis heute diskutiert.

Dazu kommen die Nachtkerze, deren Blüten sich in der Abenddämmerung binnen Minuten öffnen und nach einer einzigen Nacht verblüht sind, und die Wegwarte, deren himmelblaue Sterne nur vormittags geöffnet sind – wer sie nachmittags sucht, findet scheinbar kahle Stängel. Fünf Arten, fünf völlig verschiedene Strategien, und alle auf ein paar Quadratmetern Schotter: Das ist die eigentliche Lektion der Gstettn. Vielfalt braucht keinen Gärtner. Sie braucht nur Raum und Ruhe.

Im zweiten Jahr wird Ihre wilde Ecke anders aussehen als im ersten, im dritten wieder anders – Ruderalfluren sind Wandergesellschaften, einzelne Arten kommen und gehen. Genau das macht den Reiz aus: Sie haben dann kein Beet mehr, das Sie verwalten, sondern ein kleines Stück Wildnis, das Sie beobachten dürfen. Und vielleicht sehen Sie Ihre Umgebung bald mit anderen Augen: Die schönsten Blumenbeete Österreichs hat nämlich niemand geplant. Sie sind einfach passiert – dort, wo man sie gelassen hat.