Es gibt botanische Gärten, in die man Eintritt zahlt, und es gibt die Hohen Tauern. Auf den 1.856 Quadratkilometern des größten Nationalparks der Alpen wachsen mehr als ein Drittel aller in Österreich vorkommenden Pflanzenarten – vom Tal bis auf 3.798 Meter, vom Orchideenwald bis zum Gletschervorfeld, wo Pionierblumen auf Fels siedeln, den das Eis erst vor wenigen Jahren freigegeben hat. Wer im August durch dieses Gelände geht, wandert durch Jahrtausende Vegetationsgeschichte. Und das Beste: Die schönsten Etagen blühen jetzt.

Denn während im Tal der Sommer müde wird, fängt er oben erst richtig an. Die Vegetationszeit in 2.500 Metern dauert kaum drei Monate – entsprechend drängt sich dort alles in den Hochsommer. Hier sind vier Wege, auf denen sich der Blumenreichtum des Parks bequem bis fordernd erleben lässt.

Die Klassikerin: Gamsgrubenweg an der Glocknerstraße

Von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe führt der Gamsgrubenweg auf rund 2.400 Metern fast eben über den Hängen der Pasterze entlang – Großglockner vor der Nase, Gletscher unter den Füßen. Am Wegrand wächst, was Hochgebirgsspezialisten ausmacht: Gletscher-Hahnenfuß, der noch in Schneetälchen blüht, polsterförmige Steinbreche, Alpen-Leinkraut im Fels. Der Weg ist familientauglich und einer der wenigen Orte, an denen man Hochgebirgsflora ohne Aufstieg erlebt. Wer im August kommt, hat gute Chancen auf blühenden Alpen-Mannsschild – winzige Polster, die zu den härtesten Blühpflanzen Europas zählen.

Das Blumental: Innergschlöß am Venediger

Das Gschlößtal bei Matrei in Osttirol wird gerne der schönste Talschluss der Ostalpen genannt, und botanisch ist der Titel verdient. Der Gletscherweg Innergschlöß verbindet Feuchtwiesen voller Wollgras und Mehlprimeln mit Zirbenwald und Gletschervorfeld. Im Spätsommer stehen an den Bachufern Alpenrosen-Reste, Eisenhut in tiefem Blau und der Tauern-typische Bärtige Glockenblumen-Flor. Die Runde ist lang, aber technisch einfach – und das Panorama auf die Venedigergruppe erledigt die Motivation.

Für Genießer: das Seebachtal bei Mallnitz

Auf der Kärntner Seite des Parks liegt mit dem Seebachtal ein Bilderbuch-Trogtal, dessen Talboden im Sommer eine einzige Feuchtwiese ist. Rund um den smaragdgrünen Stappitzer See blühen im August Sumpf-Herzblatt, Teufelskralle und die letzten Knabenkräuter – das Tal gilt als eines der orchideenreichsten Gebiete Kärntens. Der Weg ist kinderwagentauglich, und wer mehr will, steigt weiter zur Schwussnerhütte, wo die Bergwiesen in die Zwergstrauchheide übergehen. Ranger des Nationalparks bieten hier im Sommer geführte Botanik-Wanderungen an – die beste Investition für alle, die Arten nicht nur sehen, sondern verstehen wollen.

Für Ausdauernde: über die Jamnigalm ins Reich der Polster

Wer die ganz oben wohnenden Spezialisten treffen will, muss über 2.500 Meter. Vom Hagener Weg über die Jamnigalm bei Mallnitz oder auf den Wegen rund ums Hochtor erreicht man die Etage der Polsterpflanzen: Stängelloses Leimkraut, das magentafarbene Kissen bildet, Alpen-Aster, Edelweiß auf den Kalkinseln und mit etwas Glück den himmelblauen König der Hochlagen, den Alpen-Enzian. Hier oben zählt jede Woche – Anfang August ist Hochblüte, Anfang September ist der Spuk vorbei.

Die Regeln des Gartens

Der ungezäunte botanische Garten hat eine einzige Eintrittsbedingung: Alles bleibt stehen. Im Nationalpark ist das Pflücken generell untersagt, und es gibt auch keinen Grund dafür – Alpenblumen welken in der Hand schneller, als man absteigt. Bleiben Sie auf den Wegen (Trittschäden in Polsterfluren brauchen Jahrzehnte zum Verheilen), nehmen Sie eine Bestimmungs-App oder ein kleines Buch mit, und planen Sie Zeit ein. Blumenwandern ist langsames Wandern; die Gipfel laufen nicht davon.

Praktisches für die Blumentour

Botanisches Wandern hat eine eigene Logistik, und sie ist angenehm einfach. In den Rucksack gehören neben dem Üblichen eine Einschlaglupe (zehnfach genügt, kostet wenige Euro und verwandelt jede Rast in eine Expedition), eine Bestimmungs-App oder ein schmales Alpenblumen-Buch und ausreichend Zeit – rechnen Sie für Blumenwege getrost die eineinhalbfache Gehzeit der Beschilderung. Das beste Licht für Blütenfotos liefert der Vormittag; nachmittags flimmert die Luft, und viele Enziane schließen bei Bewölkung ohnehin die Kelche. Wetterregel der Hochlagen: früh starten, mittags oben sein, bei Quellwolken absteigen.

Wer mehr sehen will, als er allein erkennen würde, hängt sich an die Profis: Die Nationalpark-Ranger bieten von Juli bis September geführte Themenwanderungen an, von der Gletscherflora bis zur Bergwiesen-Safari – buchbar über die Besucherzentren in Mallnitz, Matrei und Mittersill, oft schon für Kinder ab dem Volksschulalter. Und für alle, die den Sommer verpasst haben, ein Trost: Der Blumenberg hat zwei Saisonen. Im Juni blühen die Tallagen mit Trollblumen und Knabenkräutern, im August die Höhen – wer zweimal kommt, sieht zwei verschiedene Nationalparks zum Preis von einem.

Und wenn Sie im Gletschervorfeld vor einem fingernagelgroßen Steinbrech stehen, der zwischen Felsblöcken blüht, wo vor zwanzig Jahren noch Eis lag – dann haben Sie das eigentliche Spektakel der Hohen Tauern gesehen: Es ist nicht die Masse der Blüten. Es ist ihre Unverfrorenheit.